Inklusion bedeutet: Jeder Mensch – unabhängig von Behinderung, Herkunft, Alter, Geschlecht, Sprache, Religion, sexueller Orientierung oder sozialem Status – hat das Recht, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Künstliche Intelligenz verändert gerade viele Bereiche unseres Alltags. Aber was bedeutet das eigentlich für Menschen mit Behinderung oder für Menschen, die aus anderen Gründen auf Barrieren stoßen? Ich habe mir die Frage gestellt, wo KI wirklich hilft – und wo sie neue Hürden schafft oder alte Vorurteile einfach nur digital reproduziert. Ein Überblick, sortiert nach unseren Sinnen und Fähigkeiten.
Sprechen
Ein großes Thema ist die Sprache selbst – nicht nur im Sinne von Sprachbarrieren durch unterschiedliche Muttersprachen, sondern auch durch unterschiedliche Bildungshintergründe. Oft ist implizites Wissen (wie „man“ etwas formuliert, welche Begriffe gerade gesellschaftlich akzeptiert sind) relevanter für Verständigung als reines Schulwissen. KI-gestützte Übersetzungs- und Formulierungshilfen können hier eine echte Brücke sein.
Auch Gebärdensprache profitiert: Es gibt bereits Ansätze, Gebärdensprache per KI zu erkennen und zu übersetzen, und Videocalls können automatisch transkribiert werden – ein großer Gewinn für gehörlose und schwerhörige Menschen.
Aber: Die meisten Sprachmodelle sind zu einem großen Teil (geschätzt rund 80 %) auf Englisch trainiert. Das führt dazu, dass bei anderen Sprachen im Hintergrund oft trotzdem über den „Umweg Englisch“ übersetzt wird – mit entsprechendem Informationsverlust. Nuancen, Dialekte und kulturelle Feinheiten gehen dabei verloren.
Nicht zu vergessen: Sprachcomputer und Sprachausgaben in Apps und Betriebssystemen sind für viele Menschen mit Sprach- oder Sehbehinderung längst ein fester Bestandteil des Alltags geworden – KI verbessert hier zunehmend die Natürlichkeit und Verständlichkeit dieser Stimmen.
Sehen
Für blinde und sehbehinderte Menschen gibt es schon länger Apps, mit denen man eine reale Person anrufen und fragen kann, was man gerade anzieht, ob das Licht an ist, oder was auf einem Schild steht. Das funktioniert gut, ist aber immer auch ein Eingriff in die Privatsphäre – eine fremde Person sieht in diesem Moment mit in die eigene Wohnung oder den eigenen Kleiderschrank.
Genau hier kann KI eine echte Verbesserung sein: Statt eine fremde Person anzurufen, kann inzwischen eine App direkt beschreiben, was auf einem Bild zu sehen ist – ganz ohne dass ein Mensch mitschaut. Das ist ein Gewinn an Autonomie und Privatsphäre gleichzeitig.
Auch bei der Steuerung und beim Vorlesen von Webseiten hilft KI: automatisches Vorlesen von Inhalten, bessere Spracherkennung zur Steuerung per Stimme, und intelligentere Screenreader, die Inhalte nicht nur vorlesen, sondern auch sinnvoll strukturieren.
Hören
Automatische Untertitel, Live-Transkription von Gesprächen und Videos, KI-gestützte Hörgeräte, die Stimmen von Störgeräuschen trennen – auch hier gibt es viel Potenzial, das zunehmend im Alltag ankommt.
Riechen
Ein Sinn, der in der KI-Entwicklung bisher kaum eine Rolle spielt – aber auch hier gibt es erste Forschungsansätze, etwa zur digitalen Erkennung von Gerüchen für Menschen mit eingeschränktem Geruchssinn oder in Sicherheitsanwendungen (z. B. Gaslecks, verdorbene Lebensmittel).
Gesellschaftliche Teilhabe
Insgesamt kann KI die Kommunikation für alle einfacher machen – egal ob durch Übersetzung, Vorlesefunktionen oder Barrierefreiheits-Tools.
Auch im Bildungsbereich zeigt sich Potenzial: KI ermöglicht eine stärkere Individualisierung des Lernens. Lehrende werden zunehmend zu Lernbegleitenden, während KI-Systeme automatisiertes und adaptives Feedback liefern – zugeschnitten auf das Tempo und die Bedürfnisse jeder einzelnen Person.
Die andere Seite: Wo es kritisch wird
So viel Potenzial es gibt, so klar sind auch die Probleme:
- Bildgenerierung: Menschen mit Einschränkungen werden von KI-Bildgeneratoren meist nur dann dargestellt, wenn man explizit danach fragt. Ohne konkrete Ansage generieren die Systeme fast ausschließlich Menschen, die dem gängigen Schönheitsideal entsprechen – „perfekte“ Menschen.
- Sprache ohne Dialekt: Auch bei Sprachausgaben wird meist eine neutrale, dialektfreie Standardsprache bevorzugt. Das verstärkt die Erwartung, dass „richtiges“ Sprechen dialektfrei und makellos sein muss.
- Erwartungshaltung: Es entstehen so unbewusst Erwartungen an ein perfektes Aussehen, eine perfekte Aussprache, ein perfektes Auftreten – Maßstäbe, die kein echter Mensch durchgehend erfüllt.
- Voreingestellte Normalität: Vorschläge und Standardeinstellungen von KI-Systemen gehen fast immer zunächst von neurotypischen, gesunden Menschen aus. Abweichungen davon müssen aktiv „dazu gefragt“ werden.
- Gesellschaftliche Wirkung: Was macht es eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn nahezu alle KI-generierten Bilder und Stimmen „perfekt“ wirken? Welches Bild von Normalität setzt sich dadurch langfristig fest?
Diese Klischees sind nicht nur ein technisches Problem fehlerhafter Trainingsdaten, sondern Ausdruck einer weitverbreiteten gesellschaftlichen Haltung: Behinderung wird oft als Defizit gesehen, nicht als Teil menschlicher Vielfalt. Und genau diese Haltung überträgt sich – oft unbemerkt – in die Trainingsdaten und damit in die Ergebnisse der Systeme.
Mein Fazit
Ich glaube, dass in diesem Bereich ultra viel Potenzial steckt – vielleicht wird KI im Bereich Inklusion auch schon viel intensiver genutzt, als ich es aktuell überblicke. Genau deshalb freue ich mich sehr über Hinweise, Erfahrungen und Ergänzungen: Wo hilft KI Menschen wirklich? Welche Tools oder Ansätze kennt ihr, die im Alltag einen echten Unterschied machen?
Schreibt mir gerne an info@nice-twice.eu.
Weiterführende Quellen:
- https://wir-mit-ki.de/kuenstliche-intelligenz-und-inklusion/
- https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/520748/ki-als-katalysator-fuer-inklusion/
- https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2025/11/robert-riener-sorgt-kuenstliche-intelligenz-fuer-mehr-inklusion.html
Blog
Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.
-

Was wir nicht messen können, ist trotzdem da
Es gibt einen Gedanken, der mich seit ein paar Tagen nicht loslässt: Uns fehlen Emissionswerte…
-

Rohstoffe für KI: Wie lange reicht der Nachschub?
KI läuft nicht auf Luft und Algorithmen allein. Hinter jedem Chatbot, jeder GPU und jedem…
