Was wir nicht messen können, ist trotzdem da


Es gibt einen Gedanken, der mich seit ein paar Tagen nicht loslässt: Uns fehlen Emissionswerte – und zwar nicht wenige, sondern so viel, wie ganz Europa zweimal ausstößt. Addiert man alle offiziell gemeldeten Emissionen der Welt, passt die Summe nicht zu dem, was tatsächlich in der Atmosphäre ankommt. Rund sieben Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr, fast 20 Prozent aller menschengemachten Emissionen, tauchen in keiner nationalen Statistik auf, fast doppelt so viel, wie die gesamte EU jährlich verursacht.

Aber wie findet man so etwas überhaupt heraus? Genau das hat mich an einem Beitrag des Deutschlandfunk fasziniert, den ich kürzlich gelesen habe. Die Antwort liegt in einer der unspektakulärsten, aber verlässlichsten Messreihen der Welt: Auf dem Mauna Loa, einem Vulkan auf Hawaii, wird seit 1958 ununterbrochen die CO2-Konzentration in der Atmosphäre gemessen, weit weg von jeder Fabrik oder Autobahn, ohne Interpretationsspielraum. Damals lag der Wert bei 315 ppm, heute, im Juni 2026, sind es 431 ppm. Diese unabhängige, kontinuierliche Kurve ist der Maßstab, an dem sich die gemeldeten Zahlen der Länder messen lassen müssen – und genau da entsteht die Lücke. Ein Teil davon: Länder, die schlicht nicht oder nicht vollständig melden. Ein anderer, vielleicht noch beunruhigenderer Teil: Wälder und Meere nehmen offenbar nicht mehr so viel CO2 auf wie früher angenommen. Die natürlichen Senken, auf die viele Klimamodelle bauen, funktionieren nicht mehr so zuverlässig, wie wir dachten.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht nicht nur über CO2, sondern darüber, wie schwer es überhaupt ist, etwas verlässlich zu messen, selbst wenn es sich um ein physikalisch greifbares Gas in der Atmosphäre handelt. CO2 ist im Klimakontext wohl die am besten erforschte und am längsten gemessene Größe überhaupt. Und obwohl wir bei der Erhebung teilweise bis auf sehr kleine Ebenen heruntergehen, fehlt uns trotzdem etwas Großes im Gesamtbild. Wie kommen wir da heran? Wer, welche Instanz, kümmert sich eigentlich darum?

Im Unternehmenskontext habe ich häufig das Gefühl, dass wir uns dabei verzetteln. Wir versuchen und werden auch durch die Regulatorik dazu aufgefordert, ganz genau in korrekten Kategorien, nachvollziehbar über Jahre hinweg, unsere Daten zu erheben und zu berichten. Seitdem ich von dieser großen Lücke gehört habe, verstärkt sich bei mir genau dieses Gefühl: Wir kämpfen um Präzision im Kleinen, während im Großen etwas fehlt, das wir offenbar noch nicht einmal richtig verorten können.

Bei Künstlicher Intelligenz ist es ähnlich – nur noch schwerer zu greifen.

Wie viel besser, wie viel erfolgreicher werden Unternehmen dank KI? Was hat die Gesellschaft eigentlich davon? Auf die große Frage „Ist KI jetzt gut oder schlecht?“ gibt es sicher keine einfache Antwort. Aber selbst wenn man die Frage auf eine einzelne, vermeintlich klar messbare Kategorie herunterbricht, Energieverbrauch zum Beispiel, wird es nicht einfacher. Klar, KI-Systeme brauchen Energie, und das ist real und zumindest theoretisch messbar. Aber was wird gleichzeitig eingespart, weil Entscheidungen schneller getroffen werden? Wie viel effizienter laufen Stromnetze, weil KI sie steuert? Und ist das dann effizienter oder effektiver? Und wie gehen wir mit Dingen um, die es überhaupt erst gibt, weil es KI gibt?

Ich habe in mehreren Artikeln versucht, sowohl positive als auch negative Auswirkungen von KI zu beleuchten. Ich bin überzeugt, dass es starke positive Effekte gibt. Nur sind sie meistens schwer greifbar und noch viel schwerer messbar. Genau wie bei den fehlenden sieben Milliarden Tonnen CO2 in der globalen Bilanz: Nur weil sich etwas nicht sauber in eine Zahl fassen lässt, heißt das nicht, dass es nicht da ist. Es heißt nur, dass wir vorsichtig sein sollten mit Antworten, die zu einfach klingen – in die eine wie in die andere Richtung.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt: Wir sollten weiter versuchen zu messen, so gut es geht. Aber wir sollten uns auch damit abfinden, dass ein Teil des Guten, wie auch ein Teil des Schadens, nicht messbar ist. Das darf kein Freibrief sein, um nichts zu verändern. Aber es sollte uns auch davor bewahren, uns von glatten, einfachen Zahlen zu einer falschen Sicherheit verleiten zu lassen egal ob es um das Klima geht oder um Künstliche Intelligenz.

Quelle: Deutschlandfunk – Emissionshandel: Warum die CO2-Messung so schwierig ist

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